Elektronische Kampfführung

Internationale Organisationen wie z.B. UNO oder NATO verfügen nicht über eigenständige nachrichtendienstliche Strukturen und Einrichtungen, da nach allgemein herrschender Auffassung der Nachrichtendienst eine nationale Aufgabe ist. Daraus folgend wären verbündete Bedrohungsanalysen zum Teil auch durch nationalen Brillen gefiltert. Es wurde nach 1945 sehr schnell klar, dass korrektive Maßnahmen auf politischer und militärischer Ebene erforderlich waren, um das Nachrichtenwesens der NATO der erkennbar wachsenden Bedrohung anzupassen. In Deutschland war während des 2. Weltkrieges das Forschungsamt der Luftwaffe der effektivste Nachrichtendienst seiner Zeit ( die Erkenntnisse wurden aber meistens nicht genutzt) und durch die Alliierten z.B. in Prien am Chiemsee einfach weiterbetrieben.

Somit wären wir bei einem Teil der Geschichte

Am 24.Mai 1950 wurde Gerhard Graf von Schwerin (General a.D. Panzertruppe) zum „sachverständigen Berater in militärischen und Sicherheitsfragen” ernannt. Sein Büro führte seit dem 01. August 1950 die Tarnbezeichnung „Zentrale für Heimatdienst” (ZfH). Als sich abzeichnete, dass Westdeutschland in die NATO eingebunden werden konnte, galt es, den Primat der Politik vor dem Militärischen zu wahren. Um das zu symbolisieren, wurde das Büro Schwerin aufgelöst, die Mitarbeiter symbolisch entlassen und an die Spitze der „Bundesbeauftragte der Bundesregierung für alle Fragen, die mit der Verstärkung der alliierten Besatzungstruppen zusammenhängen” gesetzt, ein „Gewerkschafter” namens Theodor Blank. Das „Amt Blank” war geboren. (So ganz nebenbei: der „Zivilist” Theodor Blank war Oberleutnant der Reserve.)

Neben anderen Abteilungen war in diesem Amt ein „Funkhorchdienst Luftwaffe” geplant, der das Abhören des fremden Fernmeldeverkehrs, die Flugwegverfolgung der fremden Luftwaffe, die Erfassung technischer Daten (Frequenzbereiche, Impulsverfahren, Steuerungsarten, etc.) und auch die Störung fremder Funk- und Radardienste durchführen sollte.

Beim Aufbau griff man auf bewährte Kräfte der ehemaligen Luftnachrichtentruppe und des Forschungsamtes der Luftwaffe zurück. Es wurde von Beginn an bereits zwischen der Fernmeldeaufklärung und der Elektronische Aufklärung unterschieden. Begann man 1956 mit der Einrichtung des Dienstbereichs Elektronische Aufklärung innerhalb neuen Führungsdienste, konnten endlich 1960 die Fernmelderegimenter 71 (im Norden) und 72 (im Süden) ihren Dienst aufnehmen.

Ab Mitte der sechziger Jahre errichtete die Bundeswehr im Auftrag der NATO, verteilt über das damalige Westdeutschland 5 Funkaufklärungsanlagen mit praktisch baugleichen Türmen. Diese bildeten eine Art „Perlenkette” entlang der deutschdeutschen bzw. deutsch-tschechischen Grenze.

Es rankten sich sogleich viele Verschwörungstheorien um diese Türme, von versenkbaren Raketensilos bis hin zu Strahlungsquellen zu Gehirnmanipulationen, zumal die Bezeichnungen als Fernmeldesektoren für viele mißverständlich waren.

Zusammen mit den NATO Dienststellen aus der Radaraufklärung - im Fernbereich bis 840 Km (512 NM) und Nahbereich bis 30 Km (18 NM) und der Satellitenaufklärung - wurde von den Soldaten hervorragende Arbeit geleistet.

Im Dienst rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr bei 56 Wochenstunden.

Zum Beispiel in der Radaraufklärung, in der Ermittlung der „Fingerabdrücken von Radargeräten”.

Jedes Radargerät hat seine eigene Charakteristik, wie Radarfrequenz, Pulsfolgezeit und Umlauf. Jahrelange Erfahrungen sind nötig, zu erkennen zu welchem Waffensystem dieses Radar gehört. Ständiges Scannen des zugewiesenen Bereichs lassen keine Zeit für andere Tätigkeiten.

Alles wird in einer Datenbank eingepflegt und Stück für Stück wie ein Puzzle zusammengesetzt bis ein Lagebild entsteht, aus dem eine Bedrohungsanalyse erstellt werden kann. Eine verantwortungsvolle, oft genug auch entbehrungsreiche Tätigkeit.

 Dann kam der November 1989
und alles wurde anders.

Mit dem Ende des Jahres 1989 war die Erkenntnis: „Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit” auf einmal nicht mehr wichtig, nicht mehr gültig, man war ja nur noch von Freunden umgeben.

Nationen legitimieren sich durch die Garantie der Sicherheit der eigenen Bevölkerung, Rechtsfrieden im Inneren und Schutz vor Angriffen aus dem Ausland. Dazu benötigt eine Regierung ein politisches, wirtschaftliches und militärisches Lagebild über alle Nationen, ganz gleich ob sie alliiert, neutral und feindlich sind.

Aber die Daten, die bislang gesammelt worden waren, wurden jetzt vernichtet, Tonnen von Festplatten aus Trier, Luxemburger Straße in das nächstgelegene Stahlwerk gekarrt und dem Hochofen übergeben. Die Aufklärung gab es nicht mehr, Blind- und Taubheit wurden jetzt Leitmotiv.

Die Türme wurden abgebaut, das Material verschrottet oder anderen Bestimmungen zugeführt. Aber nicht alle, alles, der Fernmeldesektor F am Hohenbogen blieb in der Tradition erhalten, wer will kann sich ein Bild machen.

Seneca sagte einmal, „Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.”

Am Wochenende vom 22. Juli bis 24. Juli 2016 nutzten wir die Zeit um in einer ganz speziellen Zeitreise in die Geschichte des Fernmeldesektors F einzutauchen. Wir hatten die Gelegenheit, uns in der Militärhistorischen Sammlung von der Arbeit im Einsatzbereich durch zahlreiche Exponaten ein Bild zu machen.

Die Kameraden des Traditionsvereins gaben uns einen fachkundigen und kompetenten Einblick in die elektronische Aufklärung während des Kalten Krieges. Sie nahmen sich viel Zeit und wir können uns nur bedanken. Wir haben viel gesehen und sind mit mannigfachen Eindrücken wieder in Finthen angekommen.

Schauen Sie auch mal hier rein.

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